K önnen Sie auf Thai zählen? Ich habe
es neulich gelernt, ist gar kein Problem, in zehn
Minuten hatte ich die Zahlen im Kopf. Nein, nicht nur
von eins bis zehn - alle thailändischen Zahlen! Gut, die
Thailänder haben es uns auch leicht gemacht. 186 liest
sich wie „eins, hundert, acht, zehn, sechs". Aber ich
war doch überrascht, zu was meine grauen Zellen an einem
müden Sonntagnachmittag so allem fähig sind. Da hatte
der deutsche Verein Amigos en Mallorca zu einem
Gedächtnistraining mit Coach Michael Lutz nach Alcúdia
geladen.
Von
Andrea Rau
„Über das Super-Hirn verfügen Sie
bereits, Sie besitzen den superschnellen Formel-1-Wagen
im Kopf - aber Sie sind bislang nur mit dem ersten Gang
durch die Gegend getuckert", hat Lutz den rund 40
Teilnehmer anfangs angekündigt. Und dann ungläubige
Blicke geerntet, als er versprochen hatte, die
Teilnehmer würden sich nach dem kurzen Training ohne
Probleme 20 verschiedene Begriffe, die 20 US-Präsidenten
und 20 Zahlen in ihrer Reihenfolge merken können. Wobei
- ein Training sei es nicht direkt, es sei mehr eine
Anleitung, wie man sich Dinge „gehirngerechter" merken
könne.
Zuerst aber gibt es Basiswissen, wie das
Oberstübchen durch eine gesunde Lebensform in Schuss zu
halten sei: viel trinken, die Durchblutung anregen mit
Sauerstoff und Bewegung und eine gesunde, vollwertige
Ernährung - „Spanisches Weißbrot ist nicht so gut fürs
Gedächtnis." Rund 1, 5 Kilo Hirn trägt jeder Mensch mit
sich herum, das sind 100 Milliarden Hirnzellen, 10
Millionen davon sind unsere so genannten „grauen Zellen"
und zwischen ihnen gibt es ungefähr
1.000.000.000.000.000 Verknüpfungen. Das Grundproblem
daran sei, erklärt uns Lutz, dass wir vieles „mit links
machen".
Nun gut, denke ich mir, ich würde mir ja
wünschen, dass ich vieles einfach mit links machen
würde, zum Beispiel meine Steuererklärung. Aber als Lutz
weitererzählt, verstehe ich. Wir merken uns zu viel mit
der linken Hirnhälfte, die rational ausgerichtet ist und
sich an Fakten orientiert. Kreativität und Intuition,
die in der rechten Hirnhälfte angesiedelt sind, bleiben
oft auf der Strecke. Und wir sortieren zu wenig. „Was
machen Sie mit den Sachen, die Sie sich merken sollen?
Ihr Kopf ist im Grunde nur eine gigantische
Restmülltonne. Alles wird oben reingekippt, und wenn Sie
dann nichts mehr finden, schimpfen Sie."
Dann
bittet uns Lutz, uns einen Elefanten vorzustellen. Kein
Problem. Aber bei einem Elefanten, vor dem die
Ziffernkombination 5374 deutlich zu sehen ist, da wird´s
schwierig. Mein Sitznachbar kneift die Augen zusammen.
„Das geht irgendwie nicht", seufzt er, und Lutz lacht:
„Sehen Sie - das liegt an den Hirnhälften. Sie haben
eine Info, die die linke Hirnhälfte betrifft, die Zahl,
und eine, die die rechte betrifft, den
Fantasie-Elefanten. Es klappt deswegen nicht, weil sich
keine Hirnhälfte so richtig angesprochen fühlt - wie in
deutschen Amtsstuben: Herr Links schiebt´s zu Herrn
Rechts. Und wie wollen Sie sich was merken, was Sie sich
noch nicht mal vorstellen können?" Okay - die Theorie
ist verstanden, aber es ist ganz schön viel
Stoff.
Doch da kommt schon die erlösende Pause,
und ich habe ein paar Minuten Zeit, um meine Gedanken zu
ordnen. Mein Kurzzeitgedächtnis gibt mir dafür ein
dickes Fleißsternchen. Was haben wir doch gerade
gelernt? Gedanken zu ordnen ist das A und O. Nach der
Pause verblüfft uns Lutz das erste Mal. Er bittet uns,
20 Begriffe zu nennen, die möglichst wenig miteinander
zu tun haben. Avocado ist dabei, Isolierband, Rohrzange.
Während wir Teilnehmer kurz nett untereinander plaudern,
hämmert sich Lutz die Wörter in den Kopf.
Wobei
- in den Kopf hämmern ist es nicht direkt. Eher relaxed
steht er vor der Tafel, auf der er die Begriffe notiert
hat. „Wie machen Sie das denn?", ruft eine Teilnehmerin
entgeistert, als er anschließend bei der Abfrage
wirklich bei jeder Nummer weiß, welcher Begriff ihr
zugeordnet war. Und dann bekommen wir den ersten
Profi-Tipp: Die „Baumliste" hat ihm geholfen. Neben mir
wird in den Taschen gekramt, Notizblöcke werden gezückt.
Das klingt doch so, als ob man sich das merken müsste?
„Schreiben Sie die Listen auf, mit den Listen werden sie
in Zukunft nichts mehr vergessen", rät er uns, und unser
Kritzeln wird geschäftig.
Das Prinzip ist
simpel: Die Begriffe der Liste haben immer etwas mit der
Zahl zu tun, welcher der Begriff zugeordnet ist. An
dritter Stelle steht der Hocker, denn der hat drei
Beine, an vierter das Auto, denn das hat vier Räder, an
siebter der Zwerg, denn „Na, wegen der sieben Zwerge!",
ruft ein kleines Mädchen begeistert. „Ich sehe, das
klappt ja schon ganz gut", freut sich Lutz und wir
nicken: Weiter, weiter, wir wollen auch Superhirne
werden! Wenn wir uns in Zukunft etwas merken wollen,
müssen wir nur den Begriff mit der Sache in Verbindung
bringen. Zum Beispiel wenn auf unserem Einkaufszettel
Klopapier, Kürbis und Milch stehen. Wir stellen uns
Klopapier mit aufgedruckten Bäumen vor (Listenplatz 1:
Baum), einen Kürbis der von innen leuchtet (Listenplatz
2: Lichtschalter) und einen Melkschemel (Listenplatz 3:
Hocker). Später wird Lutz uns noch zeigen, wie wir uns
mit den beiden Listen auch Zahlen merken können. Nämlich
indem wir Gegenstände unserer näheren Umgebung
gedanklich nummerieren (Tisch 1, Bett 2, Stuhl 3) und
darauf im Geiste Dinge positionieren, die mit der Nummer
der Baumliste zu tun haben.
Die Nummer 14 06 11
merke ich mir, indem ich mir auf dem Tisch eine Kerze in
Herzform vorstelle (Listenplatz 14: Herz), im Bett sitzt
mein Freund und spielt Kniffel (Listenplatz 6: Würfel),
und auf dem Stuhl stelle ich mir ein Kissen mit kleinen
Fußbällen drauf vor. Typische Eselsbrücken also. Uff -
es klappt, aber es ist nicht ganz unanstrengend. Das
Faszinierendste aber: Es macht irgendwie süchtig. Ein
Blick in die anderen Gesichter zeigt - es scheint ihnen
genauso zu gehen. Lutz erzählt, das Merk-Fieber hätte
ihn gleich beim ersten Mal gepackt, als er von den
Bilderlisten als Gedächtnisstütze gelesen habe.
Mittlerweile hat er als erster ein Buch darüber
geschrieben, wie man sich Spielkarten merken kann. Das
Spielkarten-Merken gilt als Königsdisziplin unter den
Mental-Künstlern. Aber die Baumliste, die beliebig
erweitert werden kann, ist noch nicht alles. Bei der
„Körper-Liste" heißt es für uns aufzustehen und aktiv zu
werden. Ein bisschen komisch kommen wir uns wohl alle
vor, wie wir da vor Lutz zuerst an unsere Füße greifen
müssen (1), später ans Gesäß (5) und so weiter bis an
die Nase (9) und an den Kopf (10) um mit den
Listenpunkten, die wir mit Körperteilen belegen, bewusst
zu werden. Aber, alle Achtung - was mein Englischlehrer
nicht in sechs Jahren Unterricht geschafft hat, schafft
Lutz noch nicht mal in sechs Minuten: Wir lernen die
US-Präsidenten. Den ersten, Eisenhower, merken wir uns
indem wir uns vorstellen, jemand haue uns mit einem
Eisen auf die Füße, und beim fünften, Nixon, stelle ich
mir vor, mein Po ende im Fischschwanz einer Nixe.
Kindereien sind erlaubt, lehrt uns unser Coach, je
abgedrehter, ausgefallener und abwegiger eine
Eselsbrücke sei, desto leichter könne man sich an das
Bild erinnern.
Draußen ist es dunkel geworden,
aber mir ist mit der Listenmethode ein Licht
aufgegangen, und - der Unterricht hat richtig Spaß
gemacht. Als Bonbon zum Abschluss bringt uns Lutz dann
die thailändischen Zahlen bei - mit der Körperliste ein
Kinderspiel. Geistig gesättigt fahre ich nach vier
Stunden Köpfchenfitness nach Palma zurück und ich weiß
jetzt schon, was ich demnächst machen werde, wenn ich
beim Thailänder essen gehe: Ich greife, wenn´s sein
muss, erst an Fuß, Nase und Schulter um mich zu erinnern
- aber dann bestelle ich meine Leibspeise Nr. 197 in der
Landessprache!
Weitere Veranstaltungen der Amigos
en Mallorca unter den Telefonnummern 971-54 68 00 oder
666-00 94 87. Weitere Infos: www.amigosmallorca. com.
Mehr zur Listenmethode unter: www.spielkartenmerken.de
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